Einstieg: „Ich bin das Problem“ – Systemsprenger aus Kindersicht
Ich heiße nicht Systemsprenger. Das ist ein Wort von Erwachsenen. Sie sagen es, wenn ich zu laut bin, zu wütend, zu schnell. Wenn ich nicht stillsitze, nicht zuhöre, nicht passe. Ich werde weitergeschoben: Schule, Heim, Klinik, wieder zurück. Überall heißt es, ich sprenge den Rahmen. Dabei spüre ich nur Druck. Ich reagiere, weil etwas in mir brennt. Niemand fragt, warum. Sie sehen nur das Ergebnis: Kontrollverlust, Aggression, Eskalation. Im Film Systemsprenger wird dieses Erleben radikal verdichtet: Ein Kind, das keine stabilen Beziehungen hat, das immer wieder verlassen wird und dessen Verhalten als Ursache des Problems gilt, nicht als Symptom. Das System definiert die Abweichung – und erklärt sich selbst für gesund. Das Kind wird zum Störfaktor, nicht zum Träger einer Geschichte. [1]

Kontrast: Systemsprenger vs. COPMI – Überschneidung oder Gegenteil?
Dem konventionellen Systemsprenger wird ein Kind gegenübergestellt, das ebenfalls unter extremen Belastungen aufwächst: ein Kind psychisch erkrankter Eltern (COPMI). Die Ausgangslage ist vergleichbar: emotionale Unsicherheit, chronischer Stress, fehlende Verlässlichkeit, Parentifizierung, Schuld- und Schamgefühle. Die Entwicklungsbedingungen sind hochriskant. Dennoch unterscheiden sich die sichtbaren Verläufe fundamental.
Der klassische Systemsprenger externalisiert Belastung. Verhalten wird laut, impulsiv, grenzüberschreitend. Das System reagiert mit Sanktion, Ausschluss, Diagnostik, Intervention. COPMI hingegen internalisieren. Sie lernen früh, zu funktionieren. Sie übernehmen Verantwortung, regulieren sich selbst und andere, vermeiden Auffälligkeit. Anpassung ist Überlebensstrategie. Unauffälligkeit ist kein Zeichen von Gesundheit, sondern von Unsichtbarkeit.
Die Überschneidung liegt nicht im Verhalten, sondern in der Ursache: chronische Überforderung des kindlichen Stresssystems. Die Gegensätzlichkeit liegt in der Bewältigungsform. Systemsprenger destabilisieren das System offen. COPMI stabilisieren es verdeckt – auf Kosten der eigenen Entwicklung. Daraus folgt eine paradoxe Schlussfolgerung: Das System identifiziert Risiko dort, wo es stört, und übersieht es dort, wo es reibungslos funktioniert. COPMI gelten als resilient, obwohl sie häufig hochbelastet sind. Empirisch ist diese Fehleinschätzung gut belegt: erhöhte Raten für Depression, Angststörungen, Sucht und Traumafolgestörungen im Erwachsenenalter. [2][3]
Der Systemsprenger wird problematisiert, der COPMI instrumentalisiert. Der eine gilt als nicht integrierbar, der andere als gelungen integriert. Tatsächlich sind beide Ausdruck desselben systemischen Versagens: fehlende frühe, kontinuierliche, familienorientierte Unterstützung. Die Etiketten verschleiern den Kern. Sie dienen der Ordnung des Systems, nicht dem Schutz des Kindes.
Perspektivwechsel: Erwachsener COPMI als später Systemsprenger
Im Erwachsenenalter kehrt das Verdrängte zurück. Viele erwachsene COPMI entwickeln Symptome einer komplexen PTBS: emotionale Dysregulation, Bindungsstörungen, chronische Erschöpfung, Dissoziation, Überanpassung mit plötzlichen Zusammenbrüchen. Das früh gelernte Funktionieren versagt unter den Anforderungen von Arbeit, Partnerschaft, Elternschaft. Jetzt wird nicht mehr angepasst, sondern ausgegrenzt – subtiler, aber wirksam.
Der erwachsene COPMI sprengt das System nicht durch Aggression, sondern durch Nicht-Passfähigkeit. Er fällt aus, kündigt, bricht Beziehungen ab, wird krankgeschrieben, zieht sich zurück. Organisationen reagieren mit Leistungslogik, Pathologisierung, Austauschbarkeit. Die Systeme Arbeit, Gesundheit und Soziales sind auf Stabilität normiert, nicht auf Trauma. Wer Trigger vermeidet, Grenzen braucht, Kontrolle verliert oder Nähe nicht regulieren kann, gilt als dysfunktional.
In diesem Sinne wird der erwachsene COPMI zum verspäteten Systemsprenger. Nicht weil er stört, sondern weil das System keine Struktur für seine Biografie hat. PTBS ist kein individuelles Defizit, sondern ein relationales und strukturelles Problem. Das System wird nicht gesprengt, es erweist sich als zu eng. Die Passungsstörung liegt nicht im Subjekt, sondern im Rahmen. [3]
Fazit und Ausblick: Prävention statt Etikettierung
Der Begriff Systemsprenger beschreibt kein Kind, sondern eine Systemgrenze. COPMI zeigen, dass Anpassung kein Schutz ist, sondern eine Verschiebung des Problems in die Zukunft. Prävention muss früh, verbindlich und familienorientiert ansetzen: systematische Identifikation von COPMI, Enttabuisierung elterlicher Erkrankung, traumasensible Bildungseinrichtungen, verbindliche Schnittstellen zwischen Psychiatrie, Jugendhilfe und Schule, langfristige Begleitung statt Kurzinterventionen.
Integration gelingt nicht durch Normierung, sondern durch Flexibilisierung der Systeme. Wer COPMI schützen will, muss Strukturen verändern, nicht Kinder optimieren. Alles andere produziert stille Kinder und später gescheiterte Erwachsene.
Literatur und Quellen
[1] Albers, N. (Regie): Systemsprenger. Deutschland 2019.
https://de.wikipedia.org/wiki/Systemsprenger_(Film)
[2] Kloss, C.: Überlebenslust – Kinder psychisch erkrankter Eltern.
https://christiankloss.de/uberlebenslust/
[3] Ludwig Boltzmann Gesellschaft – Village Project: Children of Parents with Mental Illness (COPMI).
https://village.lbg.ac.at/about
[4] Schäfer et al.: Deutsche Traumafolgekostenstudie – Abschlussbericht.
https://beauftragte-missbrauch.de/fileadmin/user_upload/Publikation_-_Abschlussberichte/Publikat_Deutsche_Traumafolgekostenstudie_final.pdf
